"Ki wird geboren, wenn sich ein Zentrum entwickelt inmitten der Leere" M. Ueshiba

Das Aiki-Prinzip und die spirituell-religiöse Botschaft des Aikido

gepostet von Marius Trzaski, 19. März 2018  

Aus der Entstehungsgeschichte des Aikidō ist bekannt, dass Morihei Ueshiba dreimal den Namen für seine Kunst wechselte. Seine Vorkriegskampfkunst nannte er zuerst Aiki-Bujutsu, zwischen 1935 und 1942 Aiki-Budō und schließlich Aikidō. Die zwei Silben, die in allen Namen vorkommen, sind das Ai und das Ki, sie bilden zusammen den Begriff Aiki. Das Aiki-Prinzip war schon im Aiki-jutsu eine Strategie, die von den Samurai-Kriegern über Jahrhunderte geübt wurde und auf dem Schlachtfeld hauptsächlich zum Siegen im Nahkampf verwendet wurde. (1) Auf diese Weise hatte das Aiki-Prinzip zunächst nichts mit einem geistigen Weg, der sich erst später entwickelte, zu tun, sondern diente primär dem praktischen Zweck, sich mit dem Ki des Angreifers zu vereinen und diesen Vorteil zum Sieg auszunutzen. (2)

Moriheis Begeisterung für das Aiki-Prinzip be-ginnt mit der Begegnung des Takeda Soukakus und seiner modernen Kampfkunst Daitoryu Aiki Jujutsu. Hier stellt sich die Frage, wie das ursprüngliche Aiki-Prinzip funk-tionierte, das Morihei so angezogen hatte, und was es von den Prinzipien anderer Kampfkünste unterscheidet? Nach Stenudd pflegt eine "Grundlegende Selbstverteidigung […] in einer Art Zweitakt zu geschehen. Zuerst wird der Angriff des Partners blockiert oder pariert, dann wird er beantwortet. Eins, zwei. Das Problem ist dabei, dass der Partner gute Chancen hat, den Konter zu blockieren und dann seinerseits erneut anzugreifen." (3)

Diese Art Auseinandersetzung folgt noch nicht dem Prinzip des Aiki, weil es dort nicht zur Vereinigung mit der Angriffsenergie des Gegners kommt. (4) Das Aiki-Prinzip kann gut am Beispiel eines Schwertangriffs gezeigt werden: "Man muss es schaffen, gleichzeitig mit dem angreifenden Partner für seinen Hieb zu ziehen, und man muss in dem Augenblick zur Seite gleiten, da der Partner die Richtung seines Anfalls nicht länger ändern kann." (5) Die Gleichzeitigkeit, die ein "Eins-werden" mit dem An-greifer voraussetzt, "kann nicht mit angespannter Wachsamkeit zustande kommen, im Gegenteil, es sind Entspanntheit und eine bestimmte Art Feinfühligkeit nötig. Man muss sich selbst zugunsten des Partners vergessen, man reagiert fast wie er auf die Impulse nach dessen Willen, man ruht sozusagen in dessen Zentrum. Wenn er den Impuls zu seiner Angriffsbewegung gibt, gibt er au-tomatisch den Impuls für die Bewegung seines Kontrahenten. Beide Bewegungen finden zur selben Zeit statt. Das wird durch Entspannung erreicht, dadurch dass man den Angriff vorausset-zungslos abwartet." (6) Im Abwarten des Angriffs liegt der Schlüssel zum Aiki-Prinzip. Auf diese Weise entwickelte Morihei Ueshiba fast eine übernatürliche Feinfühligkeit: "Ich konzentriere mich auf mich selbst und auf Aiki. Eine Sekunde, bevor der Angreifer seinen Schlag ausführt, sehe ich einen hellen Punkt, der seine Absicht verrät. Sein Schwert folgt einer Linie, die der Punkt mir vorher zeigt. So kann ich leicht abwehren." (7)

Aus den bisherigen Ausführungen über Aiki wird ersichtlich, dass es sich niemals anzugreifen lohnt, denn nur der, der angreift, ist für Aiki verwundbar. Deshalb nennt Stenudd das Aiki-Prinzip die schlauste und zugleich die ethischste Strategie. (8) Gleichzeitig fragt er sich aber auch: "Aber wenn Aiki bei solchen strategischen Schlauheiten stehen bleibt, wird Aikidō kaum mehr als ein, wenn auch noch so spitzfindiges Selbstverteidigungssystem." (9) Was ist es also, das Aikidō zu mehr als einer reinen Kunst der Selbstverteidigung macht? Durch Ueshibas Erfahrungen kann ein Angriff so beschrieben werden, dass der Wille oder das Ki des Angreifers noch vor dem eigentlichen Angriff in eine Richtung zeigt, eben in diese, in der der eigentliche Angriff folgen wird. Stenudd analysiert es noch genauer und sagt: "Dieser Fluss von Intention [Ki] ist die eigentliche Substanz des Angriffs, während die Technik und die Körperbewegung, welche folgen, sekundär sind - sowohl in der Zeit als auch in der Bedeutung. Wenn der Intention getrotzt, wenn sie gebrochen wird, wenn dieser Fluss aufgehalten wird, kann der Konflikt nicht anders als weiterbestehen, auch wenn der Angreifer im Grunde besiegt wird." (10)

In Aikidō wird diesem Angriffswillen (Ki -Fluss) nicht getrotzt, denn Aikidō ist im Kern "das Prinzip des Nicht-Widerstandes." (11) Die Techniken des Aikidō passen sich der Angriffsbewegung immer an, sie laufen nie gegen sie. (12) So paradox es sich anhört, aber es gibt im Aikidō keinen Kampf. Ein wahrer Krieger ist nach Morihei Ueshiba unbesiegbar, weil er oder sie mit nichts den Kampf aufnimmt. Aiki bedeutet demnach den rechten Weg des Siegens, der darin besteht, sich selbst, sein eigenes Schwert zu besiegen. (13)

So wandelt sich bei Ueshiba das Aiki-Prinzip immer mehr zu einem Weg der Einheit, Harmonie und des Friedens, dem wahrem Weg des Aiki, Aikidō: "Kommt in Harmonie und Einigkeit zusammen. Das ist ‚Aiki'. Ein Mensch, der versucht, die Welt in Frieden und Harmonie zu vereinigen, wird der wahre Mensch genannt; Aiki ist der Weg, die Menschen zu solcher Lau-terkeit zu erziehen." (14)

Für Morihei Ueshiba kommt es einzig darauf an, die Einheit mit dem Universum zu vollziehen (15), denn die "Bewegungen des Aikidō sind die Bewegungen des Uni-versums: Sie bewirken alles ohne Widerstand." (16) Die Inspiration für das Vervollkommnen des Aiki-Prinzips durch die Einheit zwischen Geist und Körper, Lebensenergie und kosmischer Vitalität schöpfte Morihei aus dem Studieren der Gesetze der daoistisch-shintoistischen Sekte Ōmoto-kyō:

- "Beobachte das wahre Wirken der Natur, dann wirst du das wahre Wesen Gottes verstehen.
- Beobachte das perfekte Funktionieren des Universums, dann wirst du die wahre Ener-gie Gottes verstehen.
- Beobachte den Geist der lebenden Wesen, dann wirst du den wahren Geist Gottes verstehen." (17)

So können nach Ueshiba durch die Beobachtung wahrer Erscheinungen [der Natur, des Univer-sums und des Geistes der lebenden Wesen] mit Hilfe des Aiki-Prinzips Aikidō-Techniken entwi-ckelt werden. (18)

Der Weg des Aiki war für Ueshiba im Grunde selbst die Liebe. (20) So sprach Ueshiba mit zu-nehmendem Alter immer wieder von "Gott" und der kosmisch-göttlichen Liebe, die als Ursprung des Universums alles durchdringt und vereint. (19) Hier ist es wichtig anzudeuten, dass Ueshibas shintōistisches Gottesbild sich z.B. von christlich geprägter Gottesvorstellung deutlich unterscheidet […]. Im Japanischen gibt der Begriff "kami", oft modern als Gott übersetzt, eine ungewöhnlich weite Kategorie ab: die Gottheiten, die das Kojiki, die ältes-te japanische Chronik und Mythologie, bevölkern und die verantwortlich waren für die Schöpfung der Welt; Gottheiten, von denen man denkt, sie wohnen in Personen, Orten, sogar bestimmten Arten von Handlungen.(20a)

Spirituell-religiöse Botschaft des Aikidō
Es wurde gezeigt, dass das Ausüben des Aikidō nicht nur die technische Fertigkeit im Sinne der Selbstverteidigung fördert, sondern ebenso eine spirituell-religiöse Dimension aufweist. Diese Dimension wurde bis jetzt sichtbar, indem das Aikidō als ein Weg hin zur geistigen Vervollkommnung in Verbindung mit Harmonie, Einheit, kosmisch-göttlichem Ki, Friede, Liebe und Gott dargelegt wurde. Und obwohl Morihei Usehiba immer wieder be-tonte, dass sein Aikidō einen nicht glaubensgebundenen Charakter hat, war und ist es nicht zu leugnen, dass sein Aikidō im Kern doch eine religiöse Übung ist. (21) Aus die-sem Grund erscheint es sinnvoll, sich mit der Religiosität des Aikidō-Gründers zu be-schäftigen. Zuerst ist es wichtig zu klären, welcher Religion der Gründer des Aikidō über-haupt angehörte. Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn seine Religion war "ein Amalgam aus schintoistischen und buddhistischen Glaubenssätzen und einer Me-ditationspraxis, wie sie die Omoto-Religion vertrat." (22)

Nach John Stevens weist die Religion in Japan zwei breite Strömungen auf. Es ist zum einen der Zen-Buddhismus, der als kühn, direkt und streng gilt. Dort wird "physisches und intellektuelles Rüstzeug […] auf ein absolutes Minimum beschränkt. Einsicht wird geför-dert durch tiefe Selbsterkenntnis, Selbstkontrolle und Nicht-Verhaftet-Sein mit Dingen, Ideen und Ereignissen - mit einem Wort: durch buddhistische Leerheit." (23) Andererseits gibt es die mystische Strömung. Für sie ist das geschärfte Bewusstsein für das Heilige und Göttliche charakteristisch. In dieser Strömung spielen Offenbarung, Prophezeiungen und Schamanismus eine vordergründige Rolle. (24) Japan erlebte während des 19. und 20. Jahrhunderts eine Wiederbelebung seiner alten Religionen, und es wuchs ein "verstärktes Interesse an sowohl esoterischem (verkörpert durch Ōmotokyō) als auch exoterischem Shintō (als Staatsreligion)". (25)

Stevens deutet an, dass Ueshibas Geisteshaltung "durch seinen Glauben an die Kultgötter in Kumano, seine Einweihung in das tiefgründige Shingon und seine spätere Faszination für den Okkultismus des Ōmotokyō" (26) in der mystischen Shintō- und nicht so sehr in der Zen-buddhistischen-Religions-Strömung Ja-pans verwurzelt war. (27) Peter Goldsbury berichtet, dass der Gründer während des Trai-nings ausgiebig über "Spirituelles" diskutierte. Deshalb ist es eigenartig, dass die meisten seiner Schüler diese Inhalte kaum wiedergeben und sich kaum daran erinnern konnten. (28) Der Gründer selbst schien nicht bemüht zu sein, seinen Schülern diese Inhalte auf eine einfachere Weise zu erklären. (29) So neigten die Schüler dazu, ihr tägliches Training von den spirituellen Inhalten im Verständnis des Gründers, der Shinto-Mythologie und der "Kototama-Lehre" (30), zu trennen.

Der Gründer jedoch trennte nicht und schien sich zunehmend damit zu beschäftigen." (31) Seine meisten Ideen schöpfte er aus der umfangrei-chen Lehre des Ōmotokyō und seiner persönlichen Interpretation der ältesten Chronik Ja-pans, dem "Kojiki", verfasst im Jahr 712, für das er sich hauptsächlich aus der Liebe zu der Kototama-Theorie beschäftigte. (32) Kototama, ein System von Kosmologie und Mystik im traditionellen Shintōismus, beschreibt das Weltall, indem es von Lauten und Vibrationen aus-geht. Kototama kann ungefähr mit "die Seele der Wörter" oder "der Geist der Wörter" übersetzt werden.

Es ist ein System von Vokalen, Konsonanten und deren Kombinationen, in dem jeder Laut seinen Inhalt und seine dahinter liegende Bedeutung hat. Wenn die Laute kombiniert und ausgesprochen werden, sind diese dahinter liegenden Kräfte wirksam wie Vibrationen. […] Kototama bezieht seine Kosmologie aus den japanischen religiösen Urkunden des achten Jahr-hunderts, Kojiki und Nihongi. Die langen Namen der Götter und deren Abenteuer sind in der Per-spektive Kototamas Schlüssel dafür, wie die Welt entstanden ist und welche Gesetze darin herr-schen - sowohl für Menschen als auch für Götter. […] Obwohl Kototama weit davon entfernt ist, eine sichtbare Rolle im Aikidō oder einer anderen Budoart zu spielen, findet man es da dennoch, sozusagen hinter den Kulissen. Viele Kiais [Kiai = Kampfschrei] scheinen an die Prinzipien des Kototama geknüpft zu sein." (33)

Als Nakajima Sensei unsere Aikido-Stilrichtung als "Shinkiryu Aikid Budo" kreierte, gab er ihr mit dem Begriff "Shinki" ebenfalls eine religiös-spirituelle Ausrichtung: "Als ich meine Aikidō-Richtung Shinki Ryu genannt habe, dachte ich, das sei meine Kreation gewesen, das Kami (jap. Zeichen für Gott) und Ki zu kombinieren. Später habe ich zwei Sachen festgestellt, dass es einmal im alten China schon 3000 Jahre vor uns den Begriff Schinki gab, und zweitens, dass Osensei auch diesen Begriff bewusst gekannt und deswegen selber kalli-grafisch gemalt hat. Insofern sind Osenseis und meine Vorstellung von Aikidō aus christ-licher Sicht sehr nahe Ideen. Was Osensei auch allgemein als ein von Gott kommendes Ki sieht, habe ich, christlich gesehen, ein wenig präzisiert und den Ursprung des Ki Heiliger Geist genannt, Schöpfungskraft." (34)
Gez. Marius Trzaski


Literatur und Quellen

1-6, 8-10, 12, 21, 22, 30, 33
Vgl.: Stenudd, S., Aikidō – die friedliche Kampfkunst, Übersetzung: Sabine Neumann, Malmö 22004, S. 97-162.
7, 11 und 13, 16,17
Vgl.: Ueshiba Morihei, in: Lind, W. (Hg.): Lexikon der Kampfkünste, China, Japan, Oki-nawa, Korea, Vietnam, Thailand, Burma, Indonesien, Indien, Mongolei, Philippinen, Tai-wan u.a (Edition BSK ), Berlin 1999, S. 634-635.
14, 15,18,
Vgl.: Ueshiba, M., Auszüge aus den Schriften und Vorträgen, in: Heckler, R., S. (Hg.): Aikidō und der Neue Krieger, Essen 1988, S. 28.
19
Vgl.: Ueshiba, M., Budō, Das Lehrbuch des Gründers des Aikidō, Heidelberg 1997, S. 149–175.
23-27, 32
Vgl.: Stevens, J., Unendlicher Friede, Die Biografie von Morihei Ueshiba, Gründer des Aikidō, Leimen 2002. 151-152.
20a, 28-29, 31
Vgl.: Goldsbury, P., Das Absolute berühren: Aikidō versus Religion und Philosophie, in:
(http://www.Aikidōjournal.com/article?articleID=2&lang=de), [09.06.2008].
34
Vgl.: Interview mit Michael D. Nakajima, Rosenberg, 05.07.2008, in: Trzaski, M., Gott im Körper begegnen - Aikidō als eine Hilfe zur praktischen Einübung in die Nachfolge Jesu in der heutigen Gesellschaft, München 2009.