"Ki wird geboren, wenn sich ein Zentrum entwickelt inmitten der Leere" M. Ueshiba

Aikidō - kurze Entstehungsgeschichte

gepostet von Marius Trzaski, 15. März 2018 

Die Entstehung des Aikidō ist aufs engste mit der Biographie von dessen Gründer Morihei
Ueshiba verknüpft. Er wurde am 14. Dezember in Tanabe (Präfektur Wakayama) in Japan
geboren. Sowohl die familiäre Prägung als auch der Geburtsort selbst sind für die physische
und spirituell-religiöse Entwicklung Moriheis von Bedeutung.

Als siebenjähriger Junge wurde Morihei in den nahe gelegenen Tempel geschickt, um die buddhistischen Schriften und die konfuzianischen Klassiker zu studieren. Er war von den wundersamen Geschichten, die er im Tempel hörte, so fasziniert, dass es seinen Vater beunruhigte und er ihn zum Ausgleich Sumo und Schwimmen lehrte. (1) Außerdem war sein Geburtsort Tanabe, ein ‚Schatzkästlein' der Kampfkünste, wo auch sein Großvater ein berühmter Vertreter der
Kunst Aioi ryū gewesen war.

Dazu muss noch gesagt werden, dass der Einfluss der Shintō-Kult Kumanu in Wakayana so allgegenwärtig war, dass die dort entstandenen Kampfkünste von vornherein eine stärkere spirituelle Ausrichtung hatten als etwa die der Aizu-Krieger, welche eher die Methode des Um-jeden-Preis-Siegens bevorzugten. (2)

Die Umstände seiner Herkunft, sein spirituelles Interesse als auch eine besondere Gabe für die Kampfkünste trugen dazu bei, dass Moriheri Ueshiba bereits mit 30 Jahren mehrere Kampfkünste wie z.B. "Yagyu-ryū Jujutsu (3)" beherrschte. (4) Besonders meisterhaft erlernte er das Aiki-Jujutsu des Takeda Soukakus. Als tief religiöser Mensch und ein Sucher des Seins-Geheimnisses, (5) vermisste er jedoch bei den meisten Kampfkünsten seiner Zeit eine
Entwicklung von Energie durch Sanftheit und Harmonie. (6) Moriheis Suche nach der wahren Bedeutung des Budō war weit mehr als nur eine körperliche Herausforderung. (7)

1917 begegnete er dem Oberhaupt der modernen daoistisch-shintoistischen Sekte Ōmoto-kyō, Ōnisaburō Deguchi. (8) "Die philosophischen Vorstellungen dieses Priesters (Einheit zwischen Geist und Körper, Lebensenergie und kosmische Vitalität u.a.) faszinierten ihn so sehr, dass er sich in Ayabe (Kyôto) niederließ und jahrelang das Omoto-kyô unter DEGUCHI studierte. Dieses Studium bestand hauptsächlich aus den Praktiken des ‚Koto-tama' (9), Meditation und philosophischen Gesprächen." (10) Seit dieser Zeit haben sich Moriheis Gedanken über die Kampfkunst grundlegend verändert und seine Budō-Übungen nahmenverstärkt einen spirituellen Charakter an. Durch tiefgreifende philosophische Überlegungen ist er von den früheren Formen des Yagyu-ryū Jujutsu und Daytō-Ryu Aiki Jujutsu abgewichen und hat seinen eigenen Stil entwickelt, (11) "wobei er bewährte Prinzipien und Techniken zusammen benutzte, um die Barrieren zwischen Seele, Geist und Körper zu durchbrechen." (12)

Sein neuer Stil wurde offiziell 1922 ‚Aiki-Bujutsu' (Kampfkunst der Harmonie) benannt und unter dem Namen ‚Ueshiba-ryū Aiki-Bujutsu' in der Öffentlichkeit bekannt. Drei Jahre später (1925), nach einer mystischen Erfahrung, in der er die Einheit seines Selbst mit dem Universum spürte, veränderte er den Namen seiner Kunst aus Aiki-Bujutsu zum Aiki-Budō. Hier wurde der das Element Jutsu (technisches Können) durch Dō (weg als philosophisches Prinzip) ersetzt. (13)

Unermüdlich suchte Morihei weiter, seine Kunst zu einem Weg zu machen, indem er seine Erfahrung vom Ursprung des Seins, der unendlichen göttlichen Liebe, zum Ausdruck bringen konnte. (14)

Mitte der dreißiger Jahre wurde Morihei in der Welt der Kampfkünste berühmt. Seine Berühmtheit lag nicht nur in seiner außergewöhnlichen Beherrschung verschiedener traditioneller japanischer Kampfkünste. Die Besonderheit seiner Kunst, die am meisten die Öffentlichkeit erregte, war die15 "Epoche machende Natur seiner eigenen Schöpfung, die Vereinigung von Geist, Seele und Körper' in
Aiki". (16)

1942, während des zweiten Weltkrieges, hat Morihei Ueshiba die Entscheidung getroffen, seine Kunst endgültig Aikidō zu benennen, den Weg der Harmonie und der Liebe.


Gez. Marius Trzaski

 

Quellen und Literatur:

1 Vgl. Ueshiba, M., Budo, Das Lehrbuch des Gründers des Aikidō, Heidelberg 1997, S. 9.
2 Vgl. Stevens, J., a.a.O., S. 107.
3 Ueshiba, M., 1997, a.a.O., S. 9.
4 Vgl. ebd. Stevens, J., a.a.O., S. 105–148.
5 Vgl. Nakajima, M. D., a.a.O.
6 Vgl. Aikidō, in: Lind, W. / Arnold, U. (Hg.): Ostasiatische Kampfkünste, Das Lexikon, Berlin 1996, S. 48–51, S. 48.
7 Vgl. Stevens, J., a.a.O., S. 151.
8 Vgl. Ueshiba, M., 1997, a.a.O., S. 10f..
9 Koto-tama auch Koto-dama: Mehr dazu in Fußnote 318.
10 Aikidō, in: Lind, W. / Arnold, U. (Hg.), 1996, a.a.O., S. 48–51, S. 48f.
11 Vgl. Ueshiba, M., 1997, a.a.O., S. 12.
12 Ebd.
13 Vgl. Ueshiba, M., 1997, a.a.O., S. 12f..
14 Vgl. Nakajima, M. D., a.a.O.
15 Vgl. Ueshiba, M., 1997, a.a.O., S. 16.
16 Ebd.

Bild:

Stalker, Nancy K.,Prophet Motive: Deguchi Onisaburo, Oomoto, and the Rise of New Religions in Imperial Japan, 2008 University of Hawai, S. 151